März 2015

Neue Töne bei Heizung Rückert

(Hamburg/Wilhelmsburg) „Hyvää Päivää”. Seit Mitte Februar herrschen bei der Arnold Rückert GmbH für Heizung und Sanitär ganz neue Töne – nämlich finnische. Das freundliche „Guten Tag“ kommt von Valtteri Mikael Rautiola und Aapo Valtteri Tuovinen. Die beiden 18-jährigen Finnen absolvieren zum Ende ihrer dreijährigen Berufsausbildung ein achtwöchiges Auslandspraktikum bei Rückert im Bereich „Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik“. Die erste Hürde die dazu genommen werden musste ist auch gleich die schwierigste – nämlich die Sprachbarriere. „Alle sprechen nur deutsch“, stellt Rautiola, in sehr gutem Englisch ein wenig süffisant fest. Projektleiter Jan Breuer (25) bestätigt ebenfalls amüsiert: „Ohne English könnten wir uns kaum verständigen. Aber es funktioniert erstaunlich gut – zur Not mit Händen und Füßen“.

Die Praktikumsplätze verdanken die beiden, aus der Stadt Turko an der Südwestküste Finnlands stammenden, Lehrlinge der Initiative von Ronald Hildebrandt (43) von der „Mobilitätsagentur“ des „Arbeit und Leben Hamburg e.V.“. „Wir haben uns riesig gefreut, das die Firma Rückert spontan gleich zwei Praktikumsplätze zusagte“, so Hildebrandt. Die Mobilitätsagentur organisiert Praktika im europäischen Ausland für Auszubildende, Berufstätige, Arbeitssuchende und HochschulabsolventInnen. Die Programme sind durch die EU gefördert. Damit erhalten die TeilnehmerInnen einen finanziellen Zuschuss zu ihrem Praktikumsaufenthalt. Zusätzlich zum Praktikum in einem Betrieb besuchen alle Teilnehmenden ein interkulturelles Vorbereitungsseminar in Hamburg und können einen Sprachkurs im Zielland absolvieren. Der Auslandsaufenthalt ist für einen Zeitraum zwischen zwei Wochen und einem halben Jahr möglich. Die Mittel dazu werden von der EU, der Freien und Hansestadt Hamburg sowie anderen öffentlichen und privaten Institutionen zur Verfügung gestellt. Für ausländische PraktikantInnen, die über die Partnerorganisationen des Bildungswerkes nach Hamburg kommen werden Praktikumsplätze, Unterkünfte, Sprachkurse, Einführungsseminare, ein soziokulturelles Programm sowie Unterstützung bei allen Fragen während des Aufenthaltes geboten. Ziel ist es, Auslandsaufenthalte als festen Bestandteil im Ausbildungssystem zu verankern. So werden berufliche Mobilität gefördert und internationale Erfahrungen und Sprachkenntnisse von Auszubildenden und Fachkräften erweitert.


Foto Rasche: Deutsch-Finnischer Erfahrungsaustausch: v.l.: Jan Breuer, Valtteri Mikael Rautiola, Aapo Valtteri Tuovinen und Ronald Hildebrandt.

Rautiola und Tuovinen besuchten vorab zwar einen einwöchigen Deutsch-Grundlagen-Sprachkurs: „Das reicht aber bei weitem nicht, für die komplexe Thematik im Heizungsbau“, so Rückert Geschäftsführer Andreas Schuhmann (48). „Aber trotzdem haben wir es geschafft, die beiden auf einer Großbaustelle praxisnah, umfangreich und sinnvoll einzusetzen“, und lobt die sehr guten Fähigkeiten beim Schweißen sowie Fleiß und Motivation der Azubis. In der Praxis zeigt sich aber schon ein starker Unterschied zur deutschen dualen Ausbildung. „In der Theorie sind die Finnen sehr viel besser, aber in der Praxis liegen unsere Azubis mit Längen vorn“, so Breuer, der selber seinen Gesellenbrief bei Rückert gemacht und letztes Jahr auch seinen Bachelor als Betriebswirtschaft für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit Auszeichnung bestanden hat. In Finnland wird der praktischen Ausbildung in Betrieben kein so hoher Stellenwert eingeräumt wie beim dualen System in Deutschland. Die zukünftigen Anlagenmechaniker durchlaufen dort eine vollzeitschulische Ausbildung von drei Jahren. Diese gliedert sich zunächst in zwei Jahren Fachtheorie. Im dritten Lehrjahr absolvieren die Lehrlinge dann die Fachpraxis auf schuleigenen Baustellen und zum Teil auch als Praktikum in Betrieben. Das Praktikum in Deutschland halten beide Lehrlinge für sehr sinnvoll.

Wie alle Neuankömmlinge bei Rückert müssen auch die finnischen Praktikanten von Anfang an mit ran. Denn bei den Wilhelmsburger Heizungsspezialisten gilt das Motto „Wir fordern und wir fördern“. „Das ist mitunter sehr harte Arbeit auf Baustellen und abends sind wir ganz schön müde. Aber es macht viel Spaß – besonders das Schweißen. Wir lernen eine Menge, die Kollegen sind nett und erklären uns alles“, erzählt Tuovinen. Ein bisschen Heimweh kommt dann doch bei beiden auf. Ihre Freizeit verbringen sie ähnlich ihren deutschen Altersgenossen mit Video-Games, Freunden und Angehörigen chatten, Sport und natürlich Partys. Zum Glück sind die beiden nicht weit voneinander bei Gastfamilien untergebracht und schauen sich gemeinsam gern die große, für sie sehr beeindruckende Stadt an.

Für die Firma Rückert gehört Ausbildung seit über 40 Jahren zur Firmentradition. Azubis qualifizieren sich vor Antritt der Ausbildung durch ein Praktikum. Rückert bildet im kaufmännischen und handwerklichen Bereich aus. Schwerpunkt ist der „Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik“. Die Lehre dauert in der Regel dreieinhalb Jahre, kann aber bei entsprechender Eignung verkürzt werden. Zu den Inhalten gehören Gas- und Wasserinstallation, Heizungs- und Lüftungsbau, Solar- und Elektrotechnik. Der angehende Mechaniker kann sich auf Wassertechnik, Wärmetechnik, Klimatechnik oder Erneuerbare Energie/Umwelttechnik spezialisieren. Grundbedingung zur Ausbildung sind mindestens der Haupt- oder Realschulabschluss, gute Noten in Mathematik sowie räumliches Denkvermögen. Fortbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten liegen im Bereich der Weiterbildung zum Meister oder zum Betriebswirt des Handwerks. Darüber hinaus besteht die Weiterbildung zum Technischen Betriebswirt oder auch zum Bachelor TMEE (Technik und Management Erneuerbarer Energien und Energieeffizienz).

(Andreas Rasche)

Kontakt: Arnold Rückert GmbH, Schmidts Breite 19, 21107 Hamburg, Telefon 040/ 75 11 57-0